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Thekla Kauffmann (1883−1980)

Sie hat einen scharfen Verstand, ist eine geistig hochstehende, ideal veranlagte Dame …“
Thekla Kauffmann im Jahr 1915. ©Staatsarchiv Ludwigsburg F215Bü25

Im Januar 1919 wurde Thekla Kauffmann für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) in die württembergische Verfassungsgebende Landesversammlung gewählt. Sie war die einzige jüdische Abgeordnete, die es im Landtag von Württemberg je gab.

Geboren wurde sie im Januar 1883 in Stuttgart als älteste Tochter des jüdischen Fabrikanten Herrmann Kauffmann und seiner Frau Rosalie , einer sehr geachteten Stuttgarter Familie. Früh übernahm sie Verantwortung als Vorstandsmitglied im israelitischen Mädchenverein.

Politisches Engagement

Vor dem Ersten Weltkrieg (1914−1918) engagierte sie sich als Mitglied des Vereins für Frauenstimmrecht aktiv in der deutschen und internationalen bürgerlichen Frauenbewegung. Während des Krieges arbeitete sie, wie viele andere politische aktive Frauen, im Nationalen Frauendienst mit.

Im November 1918 gehörte die damals 35-Jährige zu den Gründungsmitgliedern der württembergischen DDP.  Einen Monat später, im Dezember 1918, wurde sie in den Hauptausschuss, im Juli 1919 als stellvertretendes Mitglied in den geschäftsführenden Reichsparteiausschuss der DDP in Berlin gewählt. Dieser schnelle Aufstieg zeugt von starkem politischem Willen.

Laut Aussage einer Bekannten der Familie hatte sie „einen scharfen Verstand“ und war „eine geistig hochstehende, ideal veranlagte Dame“, die  „in allen Ämtern und Stellungen mit gutem Erfolg und außerordentlichem Fleiß tätig“ war und „großes Ansehen in weiten Kreisen“ genoss.

1919 erhielten die Frauen in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht.  Thekla Kauffmann nutzte diese Chance und kandierte am 12. Januar 1919 erfolgreich für die Württembergische Verfassungsgebende Landesversammlung  auf Platz 18 der Liste der DDP.  Sie war Mitglied im Petitionsausschuss und im  Sonderausschuss für den Entwurf eines Jugendfürsorgegesetzes.

Sie hätte ihre Tätigkeit als Abgeordnete gerne fortgesetzt, aber bei den Wahlen im Juni 1920 gelang ihr der Wiedereinzug in den Landtag nicht. 1931 kandidierte sie auf der Unabhängigen Frauenliste für den Stuttgarter Gemeinderat, jedoch ebenfalls ohne Erfolg.

Berufstätigkeit bis zur Flucht aus Deutschland

Bis zu ihrer Kandidatur für den Landtag arbeitete Thekla Kauffmann als Fabrikpflegerin (vergleichbar mit einer heutigen Sozialarbeiterin).

1920 begann sie beim Arbeitsamt Stuttgart als Sozialbeamtin und richtete dort eine Hilfsstelle für Frauenarbeit ein. 1922 übernahm sie die Leitung der neu geschaffenen Abteilung für Arbeitsberatung, -beschaffung und -vermittlung.

Der große Bruch in ihrem Leben kam mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933: Sie wurde aus dem Staatsdienst entlassen, weil sie Jüdin war.

Thekla Kauffmann arbeitete nun als Sozialarbeiterin bei der Wohlfahrtsstelle der Stuttgarter israelitischen Gemeinde. Sie leitete die regionale Auswandererkommission des Hilfsvereins der Juden in Deutschland und kooperierte mit dem US-amerikanischen Konsulat in Stuttgart.

1941, kurz vor Beginn der Deportationen der deutschen Juden, floh sie selbst mit ihrer Mutter in die USA.

Leben in den USA (1941−1980)

In Chicago leitete Thekla Kauffmann zunächst  ein Heim für berufstätige Mütter, später arbeitete sie in der dortigen Stadtbücherei. Ab 1960 lebte sie bei ihrer Schwester Alice Uhlmann in New York.

1980 starb sie mit 97 Jahren im Isabella Nursing Home in New York. Die Stadt Stuttgart erinnert an die ehemalige Landtagsabgeordnete mit dem Thekla-Kauffmann-Weg in Bad Cannstatt.

Thekla Kauffmann gehörte zu den weiblichen württembergischen Abgeordneten, die im Rahmen der Matinée „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ der Frauengeschichtswerkstatt vorgestellt wurden.

100 Jahre Frauenwahlrecht – die Anfänge in Württemberg

Bericht über die Matinée am 19. Januar 2019

Am Samstag, den 19. Januar 2019 luden die Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg
und die GEW, Kreis Böblingen zu einer Matinée zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht – die Anfänge in Württemberg“ in das Arbeiterzentrum in Böblingen ein.

“Wir ziehen den Hut”: Die Frauen der Frauengeschichtswerkstatt schlossen sich bei ihrem Vortrag am 19. Januar 2019 dem Aufruf des Katholischen Frauenbundes an und trugen Hüte. Foto: Nadine Bruer

Die Monarchie ging 1918 durch die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. zu Ende. Es folgte die Novemberrevolution und eine neue Zeit begann. Am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen und am 11. November endete der Erste Weltkrieg. Der Rat der Volksbeauftragten (die provisorische Regierung) verkündete am 12. November 1918 in seinem Aufruf „An das deutsche Volk“ unter anderem:

„Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht (…) für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“

Die Wahlen für die verfassungsgebende Nationalversammlung fanden am 19. Januar 1919 statt – am Veranstaltungstermin genau vor 100 Jahren!  Mit der Einführung des Frauenwahlrechts kamen 18 Millionen Wählerinnen hinzu.

In Württemberg durften die Frauen schon eine Woche eher – am 12. Januar 1919 – erstmals zur Wahl gehen bzw. sich wählen lassen. In der kurzen Zeit zwischen Festlegung der Wahltermine und den Wahlen wurde intensiv um die Frauen als Wählerinnen geworben. Nicht nur in den Großstädten, sondern auch im ländlichen Raum. So veröffentlichte der Gäu – und Ammertalbote am 7. Januar 1919 ein Gedicht mit dem Titel: „Wählt alle! Auch Ihr Frauen aus dem Gäu und Ammertal!“

Die porträtierten Abgeordneten

Nach dem historischen Überblick und der Erläuterung, wie alle Parteien um die Stimmen der Wählerinnen geworben hatten, stellten die Frauen der Frauengeschichtswerkstatt folgende weibliche Abgeordnete vor:

Clara Zetkin (USPD), Herausgeberin der Zeitschrift „Die Gleichheit“ und bis 1914 eine der einflussreichsten Frauen in der sozialdemokratischen Frauenbewegung,

Laura Schradin (SPD), die eine engagierte Rednerin war und 1920 von der Landespolitik in den Reutlinger Gemeinderat wechselte,

Anna Blos (SPD), die einzige Württembergerin, die 1919 in die Nationalversammlung gewählt wurde,

Mathilde Planck (DDP), die bekannteste Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung Württembergs, 1919 bis 1928 Mitglied des württembergischen Landtags,

Luise Rist (Zentrum), Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds in Württemberg, 1919 bis 1933 Mitglied des württembergischen Landtags,

Maria Keinath (DDP), wie Mathilde Planck Lehrerin und in der bürgerlichen Frauenbewegung aktiv, jüngste Abgeordnete in der Verfassungsgebenden Landesversammlung Württembergs, die sich 1920 aus der Politik zurückzog, sowie

Emilie Hiller (SPD), die dem württembergischen Landtag von 1919 bis zu seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 angehörte und dort die Sozialgesetzgebung mit gestaltete.

Nach den interessanten Lebensläufen dieser Frauen konnten sich die 35 Zuhörer*innen bei einem Glas Sekt und belegten Broten noch über das Gehörte austauschen.