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Anna Blos (1866-1933)

„Zeigen, wie Frauen mit und neben Männern für die Freiheit, nicht nur ihres Geschlechts, sondern auch für die Freiheit ihres Volkes, ja der ganzen Menschheit eingetreten sind“

Foto von Anna Blos, aufgenommen 1919.
Anna Blos, 1919. ©Handbuch der verfassunggebenden Nationalversammlung, Weimar 1919 (Wikipedia)

Am 27. April vor 88 Jahren starb Anna Blos, eine unermüdliche Kämpferin für Frauenrechte und eine Pionierin der Frauengeschichtsforschung.  1919 war sie die einzige Frau, die aus Württemberg in den deutschen Reichstag einzog,  als eine von insgesamt 37 weiblichen Abgeordneten bzw. eine der 19 Frauen der SPD-Fraktion.

Anna Berta Antonia Tomasczewska wurde am 4. August 1866 in Liegnitz (Niederschlesien) in eine wohlhabende Familie des Bildungsbürgertums hineingeboren. Aufgrund des Berufs ihres Vaters musste die Familie häufig umziehen. Eine der Stationen war Karslruhe. Dort besuchte Anna die höhere Töchterschule und nach einem kurzen Aufenthalt in London auch das erste Seminar für die Ausbildung von Lehrerinnen an Volks-, mittleren und höheren Schulen. Das war eine ideale Vorbereitung auf eine der typischen Erwerbsmöglichkeiten für bürgerliche Frauen.

Ausbildung zur Oberlehrerin und Studium in Berlin

Um die Ausbildung zur Lehrerin zu vertiefen, wechselte Anna Blos ans Oberlehrerinnen-Seminar des Prinz-Wilhelm-Stifts in Berlin. Als Oberlehrerin war es möglich, eine Ausnahmengenehmigung zum Studieren zu erhalten. Von dieser Möglichkeit machte auch Anna Blos Gebrauch und studierte von 1885 bis 1890 Geschichte, Literatur und Sprachen an der Humboldt-Universität.

1905 gab die fast 40-jährige Lehrerin und in der bürgerlichen Frauenbewegung engagierte ihr „Junggesellinnen-Dasein“ auf und heiratete den deutlich älteren Sozialdemokraten Wilhelm Blos. Stuttgart wurde ihr neuer Lebensmittelpunkt.

Journalistin und erste Ortsschulrätin in Stuttgart

Ihr Interesse an der Geschichte der Frauen, ihr Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit und der Austausch mit Menschen aus dem linkspolitisch orientierten Umfeld in Stuttgart führten – neben der Ehe mit einem gestandenen Sozialdemokraten – dazu, dass Anna Blos in die SPD eintrat und sich stärker der proletarischen Frauenbewegung zuwandte.  Als Journalistin schrieb sie Artikel für die sozialistische „Schwäbische Tagwacht“, für die von Clara Zetkin herausgegebene Zeitschrift „Die Gleichheit“ und viele andere Zeitungen und Zeitschriften. Außerdem gab sie  kostenlose Kurse in Rechtschreibung und Stilistik für die Jugendgruppen die SPD.

1910 wurde Anna Blos als erste Frau im deutschen Reich Ortsschulrätin in Stuttgart. Der Ortsschulrat war ein Gremium, das den Gemeinderat in schulpolitischen Fragen beriet. Dass mit Anna Blos eine Sozialdemokratin in dieses Gremium berufen wurde, zeigt das liberale Klima, das in Württemberg im Vergleich zu Preußen herrschte. Dieses Amt wollte sie nutzen, um bessere Bildungschancen für Arbeiterkinder zu erreichen. Während des Ersten Weltkrieges engagierte sie sich für die
Einrichtung von Kinderküchen, die von den Kommunen finanziert wurden.

Kämpferin für Frauenrechte und Reichstagsabgeordnete

Als Frauenrechtlerin und überzeugte Verfechterin des Frauenwahlrechts engagierte sich Anna Blos
als Führungskraft im „Württembergischen Verein für Frauenstimmrecht“, obwohl dieser Verein  eher zur bügerlichen Frauenbewegung gehörte. Sie appellierte an die Frauen
ihrer Zeit, politische Verantwortung zu fordern und zu übernehmen. 1918 gründete sie in den „Verband der Stuttgarter Hausfrauen“ und wurde dessen Vorsitzende. Nach der Proklamation des Frauenwahlrechts im November 1918 engagierte sie sich im „Propagandaausschuss zur Aufklärung über das Frauenwahlrecht“, in dem Frauen der der (gemäßigt) sozialdemokratischen und der bürgerlichen Frauenbewegung, z. B.  Thekla Kauffmann, zusammenarbeiteten.

Anzeige der SPD in der Sindelfinger Zeitung vom 21. Dezember 1918: Einladung zur Frauenversammlung am 22. Dezember 1918 mit Rednerin Anna Blos zum Thema "Was hat die Revolution den Frauen gebracht?".Bei den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung am 19. Januar 1919 kandidierte Anna Blos im Wahlbezirk Württemberg-Hohenzollern für die SPD und war am Ende die einzige Frau, welcher der Einzug ins nationale Parlament gelang. Eine Station im Wahlkampf war Sindelfingen, wo sie im Dezember 1918  eine Rede zum Thema „Was hat die Revolution den Frauen gebracht?“ hielt.

Pionierin der Frauengeschichtsforschung

In ihren letzten Lebensjahren widmete sich Anna Blos verstärkt der Erforschung der weiblichen Kulturgeschichte des
19. und 20. Jahrhunderts. Ihr Ziel war es, die Rolle der Frauen zu überarbeiten, neu zu bewerten und vor dem Vergessen zu bewahren. Dabei wollte sie „nachdrücklich zeigen, wie
Frauen mit und neben den Männern (…) für das höchste
Ideal der Menschheit, für die Freiheit, nicht nur ihres
Geschlechts, sondern auch für die Freiheit ihres Volkes,
ja der ganzen Menschheit“ eingetreten sind. Diese Tradition sollte
von den Frauen ihrer eigenen Zeit bewusst fortgesetzt werden. Daher warnte Anna Blos ihre Zeitgenossinnen wiederholt davor, die hart erkämpfte politische Mitwirkung aufzugeben – nicht zuletzt angesichts der aufscheinenden nationalsozialistischen Gefahr.

Am 27. April 1933  ist Anna Blos im Alter von 66 Jahren an Krebs gestorben. Sie wurde auf dem Stuttgarter Pragfriedhof im Grab ihres Mannes beerdigt. Da das Grab von Wilhelm Blos ein Ehrengrab ist, kann ihre letzte Ruhestätte bis heute besucht werden.

In Stuttgart, Mühlacker und Weinstadt wurden Straßen nach ihr benannt. Seit 2011 erinnert eine Gedenktafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus in Stuttgart-Bad Cannstatt (Wiesbadener Straße 3) an Wilhelm und Anna Blos.


Originalbeitrag von Helen Schelling und Claudia Nowak-Walz für die Internetseite der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg
URL: https://frauengeschichtswerkstatt-herrenberg.de/anna-blos/

Maria Eipper-Hoffmann (1898–1990)

„Um Sprache und Eigenheiten des Landmenschen zu erhalten, entschloß ich mich zu Mundartgedichten“

Potrait von Maria Eipper-Hoffmann, aufgenommen 1978.
Maria Eipper-Hoffmann im Jahr 1978.
© Erben Maria Eipper-Hoffmann

Maria Hoffmann wurde  am 17. März 1898 geboren. Sie wuchs in einer Familie auf, die stark vom protestantischen Glauben geprägt war. Über die Familie ihrer Mutter war sie mit dem Reformator Jakob Andreae (1528-1590) und auch mit Christoph Dölker verwandt, der als Herausgeber einer Sammlung geistlicher Lieder landesweit bekannt war.

Kindheit und Jugend

Marias Vater übernahm um 1900 eine Lehrerstelle in Kuppingen. Hier lebte die Familie Hoffmann mit insgesamt acht Kindern. Maria war das vierte Kind. Sie berichtete, dass der Vater als Lehrer sehr streng war, ganz besonders bei den eigenen Kindern.

Ausbildung und erste Gedichte

Nach Ende der Schulzeit machte die junge Frau am Stuttgarter Fröbelseminar eine Ausbildung als Kindergärtnerin. In dieser Zeit verfasste sie erste geistliche Gedichte und legte Feldpostpaketen an Soldaten „einen poetischen Gruß bei“ (Zitat Maria Eipper-Hoffmann). Während des Ersten Weltkriegs half sie Bauern auf dem Feld und lernte ihre Lebensweise und Sprache kennen. Aufgrund dieser Erfahrungen entschloss sie sich, zur Erhaltung der Sprache in Mundart zu schreiben.

Beruf und Familie

Nach der Ausbildung blieb Maria zunächst in Stuttgart und arbeitete in einer Arztfamilie als Erzieherin des Sohnes.

Foto der Familie von Maria Eipper-Hoffmann, aufgenommen 1936 im Garten des Schulhauses in Öschelbronn.
Familie Eipper im Garten des Schulhauses in Öschelbronn, 1936. © Erben Maria Eipper-Hoffmann

1921 folgte die Heirat mit Martin Eipper, einem Lehrer aus Öschelbronn. Die Hochzeit fand in Kuppingen statt und Maria war die erste Braut im Ort, die eine weißes Kleid trug. Die Familie wurde immer größer, Maria brachte sechs Kinder auf die Welt (fünf Söhne und eine Tochter). Zwei Söhne fielen im Zweiten Weltkrieg mit 20 und 22 Jahren.

Ab 1948 lebte die Familie in Herrenberg. Martin Eipper war Lehrer, Maria Eipper arbeitete in einem Affstätter Kindergarten.

Die Schriftstellerin Maria Eipper-Hoffmann

1965 verstarb Martin Eipper. Seine Frau Maria war damals 66 Jahre alt. Sie begann nun, sich intensiv dem Schreiben von Gedichten zu widmen. Als Schriftstellerin nannte sie sich Maria Eipper-Hoffmann. In ihren Mundartgedichten befasste sie sich mit Geschichten aus ihrer eigenen Familie und beschrieb die Menschen im Gäu und historische Themen.

Einige ihrer Gedichte sind aber auch aktuellen Themen gewidmet. Im Gedicht „Nebringen“ ging sie auf die Bildung der neuen Gemeinde „Gäufelden“  ein, den freiwilligen Zusammenschluss der Orte Nebringen, Tailfingen und Öschelbronn im Juli 1971. Mit dem Gedicht „D′Stiftskirch“ schaltete sie sich Anfang der 1970er Jahre in die Diskussion über Erhaltung oder Abriss der Herrenberger Stiftskirche ein.  Insgesamt veröffentlichte sie drei Gedichtbände: „Guck nei eins Gäu“ (1968), „No mai vom Gäu“ (1979), „Mei Hoamet“ (1988).

Ehrungen

Einen Tag vor ihrem 80. Geburtstag wurde Maria Eipper-Hoffmann 1978 von Oberbürgermeister Schroth mit der Herrenberger Bürgermedaille in Silber geehrt.

Anlässlich ihres Todes am 23. Januar 1990 erschien im Gäubote ein Nachruf. Darin hieß es unter anderem, dass die Schriftstellerin mit ihren „Gedichten und Erzählungen über Menschen, Landschaften und Traditionen […] weit über die Herrenberger Grenzen hinaus zum Begriff für Mundartdichtung und heimatverbundene Erzählweisen geworden“ sei.


Originalbeitrag von Illja Widmann für die Internetseite der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg, März 2021
URL: https://frauengeschichtswerkstatt-herrenberg.de/maria-eipper-hoffmann/

Eine ausführlichere Lebensbeschreibung finden Sie in „Frauen gestalten Herrenberg“ (S. 99-108).

Lina Link (1909–1992)

„Ihr Lebensprinzip war Humanität“ [1]

Lina Link war 25 Jahre Gemeinderätin in Herrenberg. Foto: Erben Lina Link

Am 28. Januar 1951 wurden bei der Herrenberger Gemeinderatswahl erstmals zwei Frauen in das Gremium gewählt. Eine von ihnen war Lina Link, die insgesamt 25 Jahre in der Kommunalpolitik aktiv sein sollte. In den Jahren 1962 und 1966 wurde sie sogar Stimmenkönigin.

Die großen Erfolge bei den Gemeinderatswahlen zeigen das große Vertrauen in ihr Handeln und ihr hohes Ansehen in der Bevölkerung. Legendär waren ihr Humor und die Freude am Singen.

Ihre Familie

Lina Fischer wurde 1909 in Tübingen geboren. Sie kam aber bereits als Baby nach Herrenberg, die Heimatstadt ihres Vaters Gottlieb, und wurde hier von dessen Schwester Emilie Seeger großgezogen. Erst als sie mit 20 Jahren Karl Link heiratete, erfuhr sie von ihren leiblichen Eltern in Brasilien.

Die junge Familie lebte am Hasenplatz und bekam immer mehr Zuwachs. Anfang 1942 starb Karl Link als Soldat in Russland, wenige Monate vor der Geburt des jüngsten Sohnes Karl. Nun war die junge Witwe mit fünf Kindern auf sich allein gestellt. Mit Landwirtschaft und einer Lohn-Wäscherei verdiente Lina Link das Nötigste für die Familie. 1944 starb der Sohn Hans Alfred beim Spielen mit einer Granate.

Tatkraft

Trotz der Schicksalsschläge nahm Lina Link das Leben mit Tatkraft in die Hand. Als Kriegswitwe erhielt sie, wie viele andere Frauen auch, keine staatliche Unterstützung. Ihre Erfahrungen brachte sie nach dem Krieg als Hinterbliebenenbetreuerin im VdK (Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands, heute: Sozialverband VdK) ein, dessen Herrenberger Ortsgruppe sie mitbegründete. Neben Beratungen organisierte sie auch legendäre Urlaubsreisen, u. a. nach Italien, für die damalige Zeit vor allem für alleinstehende Frauen ein ganz außergewöhnliches Ereignis.

Das Wohnhaus der Familie Link am Hasenplatz.

Nach Kriegsende war besonders der fehlende Wohnraum ein großes Problem. Im Auftrag der Stadt vermittelte Lina Link den Bedürftigen eine neue Bleibe. Sie war in der Stadt gut vernetzt und so wurde ihr Haus am Hasenplatz zu einer wichtigen Anlaufstelle für Wohnungssuchende – Bürgermeister Reinhold Schick sprach vom „Rathäusle uff’m Hasenplatz“.

Ehrungen

Vielfältige Interessen prägten das Leben der langjährigen Gemeinderätin. Sie war in mehreren Vereinen in verschiedenen Funktionen aktiv.

Für ihre großes Engagement erhielt sie u. a. 1977 die Herrenberger Bürgermedaille in Gold und 1979 die Landesverdienstmedaille Baden-Württemberg.


[1] So lautete die Überschrift des Nachrufs im Gäubote vom 15. April 1992.

Originalbeitrag von Illja Widmann für die Internetseite der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg, März 2021
URL: https://frauengeschichtswerkstatt-herrenberg.de/lina-link/

Ein ausführlicheres Porträt von Lina Link finden Sie in Frauen gestalten Herrenberg (S. 13-22).

Thekla Kauffmann (1883−1980)

Sie hat einen scharfen Verstand, ist eine geistig hochstehende, ideal veranlagte Dame …“

Thekla Kauffmann im Jahr 1915. ©Staatsarchiv Ludwigsburg F215Bü25

Im Januar 1919 wurde Thekla Kauffmann für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) in die württembergische Verfassungsgebende Landesversammlung gewählt. Sie war die einzige jüdische Abgeordnete, die es im Landtag von Württemberg je gab.

Geboren wurde sie im Januar 1883 in Stuttgart als älteste Tochter des jüdischen Fabrikanten Herrmann Kauffmann und seiner Frau Rosalie, einer sehr geachteten Stuttgarter Familie. Früh übernahm sie Verantwortung als Vorstandsmitglied im israelitischen Mädchenverein.

Politisches Engagement

Vor dem Ersten Weltkrieg (1914−1918) engagierte sie sich als Mitglied des Vereins für Frauenstimmrecht aktiv in der deutschen und internationalen bürgerlichen Frauenbewegung. Während des Krieges arbeitete sie, wie viele andere politische aktive Frauen, im Nationalen Frauendienst mit.

Im November 1918 gehörte die damals 35-Jährige zu den Gründungsmitgliedern der württembergischen DDP.  Einen Monat später, im Dezember 1918, wurde sie in den Hauptausschuss, im Juli 1919 als stellvertretendes Mitglied in den geschäftsführenden Reichsparteiausschuss der DDP in Berlin gewählt. Dieser schnelle Aufstieg zeugt von starkem politischem Willen.

Laut Aussage einer Bekannten der Familie hatte sie „einen scharfen Verstand“ und war „eine geistig hochstehende, ideal veranlagte Dame“, die  „in allen Ämtern und Stellungen mit gutem Erfolg und außerordentlichem Fleiß tätig“ war und „großes Ansehen in weiten Kreisen“ genoss.

1919 erhielten die Frauen in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht.  Thekla Kauffmann nutzte diese Chance und kandierte am 12. Januar 1919 erfolgreich für die Württembergische Verfassungsgebende Landesversammlung  auf Platz 18 der Liste der DDP.  Sie war Mitglied im Petitionsausschuss und im  Sonderausschuss für den Entwurf eines Jugendfürsorgegesetzes.

Sie hätte ihre Tätigkeit als Abgeordnete gerne fortgesetzt, aber bei den Wahlen im Juni 1920 gelang ihr der Wiedereinzug in den Landtag nicht. 1931 kandidierte sie auf der Unabhängigen Frauenliste für den Stuttgarter Gemeinderat, jedoch ebenfalls ohne Erfolg.

Berufstätigkeit bis zur Flucht aus Deutschland

Bis zu ihrer Kandidatur für den Landtag arbeitete Thekla Kauffmann als Fabrikpflegerin (vergleichbar mit einer heutigen Sozialarbeiterin).

1920 begann sie beim Arbeitsamt Stuttgart als Sozialbeamtin und richtete dort eine Hilfsstelle für Frauenarbeit ein. 1922 übernahm sie die Leitung der neu geschaffenen Abteilung für Arbeitsberatung, -beschaffung und -vermittlung.

Der große Bruch in ihrem Leben kam mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933: Sie wurde aus dem Staatsdienst entlassen, weil sie Jüdin war.

Thekla Kauffmann arbeitete nun als Sozialarbeiterin bei der Wohlfahrtsstelle der Stuttgarter israelitischen Gemeinde. Sie leitete die regionale Auswandererkommission des Hilfsvereins der Juden in Deutschland und kooperierte mit dem US-amerikanischen Konsulat in Stuttgart.

1941, kurz vor Beginn der Deportationen der deutschen Juden, floh sie selbst mit ihrer Mutter in die USA.

Leben in den USA (1941−1980)

In Chicago leitete Thekla Kauffmann zunächst  ein Heim für berufstätige Mütter, später arbeitete sie in der dortigen Stadtbücherei. Ab 1960 lebte sie bei ihrer Schwester Alice Uhlmann in New York.

1980 starb sie mit 97 Jahren im Isabella Nursing Home in New York. Die Stadt Stuttgart erinnert an die ehemalige Landtagsabgeordnete mit dem Thekla-Kauffmann-Weg in Bad Cannstatt.


Originalbeitrag von Sonja Klaus Condo für die Internetseite der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg, März 2021
URL: https://frauengeschichtswerkstatt-herrenberg.de/thekla-kauffmann/

Thekla Kauffmann gehörte zu den weiblichen württembergischen Abgeordneten, die im Rahmen der Matinée „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ der Frauengeschichtswerkstatt vorgestellt wurden.

100 Jahre Frauenwahlrecht – die Anfänge in Württemberg

Bericht über die Matinée am 19. Januar 2019

Am Samstag, den 19. Januar 2019 luden die Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg
und die GEW, Kreis Böblingen zu einer Matinée zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht – die Anfänge in Württemberg“ in das Arbeiterzentrum in Böblingen ein.

“Wir ziehen den Hut”: Die Frauen der Frauengeschichtswerkstatt schlossen sich bei ihrem Vortrag am 19. Januar 2019 dem Aufruf des Katholischen Frauenbundes an und trugen Hüte. Foto: Nadine Bruer

Die Monarchie ging 1918 durch die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. zu Ende. Es folgte die Novemberrevolution und eine neue Zeit begann. Am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen und am 11. November endete der Erste Weltkrieg. Der Rat der Volksbeauftragten (die provisorische Regierung) verkündete am 12. November 1918 in seinem Aufruf „An das deutsche Volk“ unter anderem:

„Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht (…) für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“

Die Wahlen für die verfassungsgebende Nationalversammlung fanden am 19. Januar 1919 statt – am Veranstaltungstermin genau vor 100 Jahren!  Mit der Einführung des Frauenwahlrechts kamen 18 Millionen Wählerinnen hinzu.

In Württemberg durften die Frauen schon eine Woche eher – am 12. Januar 1919 – erstmals zur Wahl gehen bzw. sich wählen lassen. In der kurzen Zeit zwischen Festlegung der Wahltermine und den Wahlen wurde intensiv um die Frauen als Wählerinnen geworben. Nicht nur in den Großstädten, sondern auch im ländlichen Raum. So veröffentlichte der Gäu – und Ammertalbote am 7. Januar 1919 ein Gedicht mit dem Titel: „Wählt alle! Auch Ihr Frauen aus dem Gäu und Ammertal!“

Die porträtierten Abgeordneten

Nach dem historischen Überblick und der Erläuterung, wie alle Parteien um die Stimmen der Wählerinnen geworben hatten, stellten die Frauen der Frauengeschichtswerkstatt folgende weibliche Abgeordnete vor:

Clara Zetkin (USPD), Herausgeberin der Zeitschrift „Die Gleichheit“ und bis 1914 eine der einflussreichsten Frauen in der sozialdemokratischen Frauenbewegung,

Laura Schradin (SPD), die eine engagierte Rednerin war und 1920 von der Landespolitik in den Reutlinger Gemeinderat wechselte,

Anna Blos (SPD), die einzige Württembergerin, die 1919 in die Nationalversammlung gewählt wurde,

Mathilde Planck (DDP), die bekannteste Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung Württembergs, 1919 bis 1928 Mitglied des württembergischen Landtags,

Luise Rist (Zentrum), Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds in Württemberg, 1919 bis 1933 Mitglied des württembergischen Landtags,

Maria Keinath (DDP), wie Mathilde Planck Lehrerin und in der bürgerlichen Frauenbewegung aktiv, jüngste Abgeordnete in der Verfassungsgebenden Landesversammlung Württembergs, die sich 1920 aus der Politik zurückzog, sowie

Emilie Hiller (SPD), die dem württembergischen Landtag von 1919 bis zu seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 angehörte und dort die Sozialgesetzgebung mit gestaltete.

Nach den interessanten Lebensläufen dieser Frauen konnten sich die 35 Zuhörer*innen bei einem Glas Sekt und belegten Broten noch über das Gehörte austauschen.